Nacht am See
~~~~~ NACHT AM SEE ~~~~~



~ Das Märchen vom kleinen Teufel ~

Es war einmal, vor noch garnicht so langer Zeit, da bekamen der Teufel Schwefeldo und seine Frau, die Teufelin Schwefeldina, einen kleinen Sohn. Die Freude der beiden war sehr groß und sie feierten ein richtiges teuflisches Höllenfest, zu dem sie alle ihre Freunde eingeladen hatten. Da waren Vampire, Gnome, Hexen, Fledermäuse, Nachtalben, Ungeheuer und sogar ein Werwolfpaar. Sie feierten so wild, daß noch oben auf der Erde ein leichtes Grollen und Beben und von überall her ein leichter Schwefelgeruch zu spüren war.

Der kleine Teufel sollte das Böseste werden, was die Welt je gesehen hatte, so wünschten es sich Schwefeldo und Schwefeldina zumindest. Sie nannten ihren Sohn Kruidon und gaben sich alle Mühe ihn zu einem richtigen unanständigen Teufel zu erziehen. Aber Kruidon zeigte schon nach kurzer Zeit sehr sonderbare Verhaltensweisen. Er wollte weder töten noch stehlen, nicht quälen und war nicht einmal fähig so richtig zu hassen. Die Eltern waren sehr besorgt, glaubten aber noch, daß sie mit viel Zeit und Mühe und besonders starker Abneigung noch einen richtig bösen Teufel aus ihm würden machen können. Vielleicht war er ja auch einfach nur noch zu jung, um so richtig böse zu sein. Aber auch als Kruidon in die Höllenschule kam, um mit den anderen kleinen Teufeln zu lernen, wie man so richtig böse ist, versagte er völlig. Und als ihm eines Tages auch noch bei einem besonders starken Schwefelgeruch schlecht wurde, waren die Eltern so erschüttert, daß sie Kruidon aus der Hölle fortjagten.

So kam der kleine Teufel auf die Erde und weil er so allein war, wurde er von einem Amt an eine Familie gegeben und bekam Menschen als Eltern. So lange er noch klein war, fühlte er sich ganz wohl auf der Erde.

Seine neuen Eltern waren nett zu ihm, er spielte mit anderen Kindern, ging mit ihnen in eine Menschenschule und Kruidon glaubte, nun doch ein Zuhause gefunden zu haben. Aber je älter er wurde, um so unwohler fühlte er sich auf der Erde. Er wollte einfach nicht lernen, wie man anderen Leuten ihr Geld wegnimmt, ohne dafür bestraft zu werden. Er wollte auch kein Haus und kein Auto. Er verstand nicht, warum er acht Stunden am Tag arbeiten sollte, wo er doch auch mit weniger Arbeit genug zum Leben bekommen konnte. Er wollte nicht lügen, damit jeder ihn nett findet. Er wollte Freunde finden und nicht Macht über Menschen haben.

Von allen Seiten, ganz besonders von seinen menschlichen Eltern, wurde er mit Richtlinien, Vorschriften, Prinzipien, Idealen und Regeln eingeengt. Kruidon fühlte sich ganz unwohl. Am liebsten ging er im Wald spazieren, unterhielt sich mit Menschen ... oder machte Musik.

Er wollte so vieles sehen und entdecken. Aber die Menschen verstanden seine Vorstellungen von Leben nicht. Zuerst versuchte er es ihnen zu erklären, sie davon zu überzeugen, daß das Leben so viel schöner sein kann, als das ihre es ist. Dann gab er den Gedanken auf, etwas zu verändern und entschloß sich die Erde zu verlassen.

Nur, wo sollte er jetzt hin? In die Hölle zurück? Nein! Da war es zwar ganz anders, aber auch sehr schlimm. In der Hölle gab es Höllenfeuer, auf der Erde gab es Heizungen und Kernkraftwerke; aber er suchte eine ganz andere Form von Wärme. Und dann kam Kruidon der Gedanke, daß es ja auch noch einen Himmel gab ...

Der Gedanke, als Teufel in den Himmel zu gehen, schien ihm zwar sehr gewagt, aber er wollte es zumindest versuchen. Auf die Erde war er ja völlig ungehindert gekommen, die war von allen Seiten offen und zugänglich, aber der Himmel war rundherum verschlossen. Es gab nur ein einziges Tor und das wurde von vier Engeln mit Schwertern bewacht.

Als Kruidon auf die Engel zukam, kreuzten sie sofort ihre Schwerter, um ihm zu zeigen, daß sie ihn nicht reinlassen wollten. Einer von ihnen fragte dann aber doch, wer er denn sei und ob er eine Berechtigung hätte, um in den Himmel zu kommen. Kruidon stellte sich vor, erzählte daß er auf der Suche nach einem Zuhause sei und daß er gerne in den Himmel möchte. Aber die Engel waren so entsetzt darüber, daß er als Teufel auch nur daran dachte in den Himmel gelassen zu werden, daß sie ganz aufgeregt wurden. Kruidon, der ja schließlich trotz all seiner Entartung ein Teufel war, nutzte die Verwirrung der Engel und huschte unbemerkt in den Himmel hinein. Als die vier sahen, daß er nicht mehr vor ihnen stand, glaubten sie, er sei wieder fortgegangen, redeten noch eine Weile über diesen sonderbaren Teufel, fanden dann aber sehr schnell ihre Ruhe wieder. Als dann ein Kaufmann, gerade verstorben, Einlaß verlangte, als Berechtigungsschein die Belege von vierzig Jahren pünktlich bezahlter Kirchensteuer vorlegend, hatten die Engel Kruidon schon beinahe vergessen.

Der kleine Teufel schlenderte derweil durch den Himmel und fand es dort eigentlich ziemlich langweilig. Alles war so ruhig und still, die Leute dort gingen sehr nett miteinander um, aber eben nur oberflächlich nett, nicht wirklich lieb. Alle lächelten, aber niemand lachte wirklich. Von überall her erklang die gleiche monotone Harfenmusik und überall standen Schilder, auf denen "Bitte Ruhe" oder ähnliche Dinge standen. Kruidon merkte sehr schnell, daß es ihm hier so gar nicht gefiel und er entschloß sich ein bißchen Leben und Spaß in den Himmel zu bringen. Aber das war gar nicht so einfach. Alle seine fröhlichen Frechheiten wurden nachsichtig belächelt, weiter nichts. Erst als er seine letzten Höllenerinnerungsschwefel gebrauchte, reagierte man wirklich auf ihn. Er wurde unverzüglich aus dem Himmel verwiesen und da er nicht bereit war freiwillig zu gehen, wurde er regelrecht hinausgeschmissen.

Erst amüsierte es Kruidon ja, daß er so viel Aufregung und Unruhe in den Himmel gebracht hatte, schließlich war es ihm da ja so oder so zu langweilig gewesen. Aber so allein vor dem Himmelstor sitzend spürte er dann ganz deutlich, wie einsam er war, daß er ja eigentlich nirgendwo so richtig hingehörte, und daß alle anders waren als er. Kruidon wurde bei dem Gedanken ganz traurig, so traurig, daß er zu weinen begann.

Wie er so allein dasaß, völlig in seine Traurigkeit versunken, merkte er gar nicht, daß ein kleiner Engel sich zu ihm gesetzt hatte. Ein Engelmädchen mit langen blonden Locken und klaren, lieben Augen. Erst, als sie mit ihrer Hand über sein Haar streichelte, schreckte Kruidon auf. Im ersten Moment war es ihm peinlich, beim Weinen beobachtet worden zu sein. Etwas verschämt und unsicher sah er sie an, blickte dabei direkt in ihre Sternchenaugen und im selben Moment verflog das peinliche Gefühl. Da war etwas in ihren Augen, etwas was in ihm den Eindruck erweckte, als würde er sie schon lange kennen, als wäre sie ihm bereits ganz vertraut. Er hatte das Gefühl, als ob sie mit ihren Augen bis hinein in seine Seele gucken könnte und als ob sein Blick Zugang zu ihrer Seele hätte. Er spürte, daß er ihr nichts zu sagen, nichts zu erklären brauchte, daß sie ihn auch ohne Worte verstand. Er konnte einfach nur neben ihr sitzen, ihre Hand halten und diese besondere Nähe genießen.

Erst viel später erzählte er ihr seine ganze Geschichte und erfuhr dann auch, wer sie war. Sie hieß Laseila und war ein mißratener Engel, der aus dem Himmel verwiesen worden war. Es läßt sich gar nicht beschreiben, wie sehr die beiden sich gefreut haben, daß sie einander gefunden hatten. Endlich hatte Kruidon die Form von Wärme gefunden, die er bisher vergeblich gesucht hatte, jemanden gefunden, der so war wie er. Nun brauchte er nicht mehr eine Welt zu suchen, in der er Zuhause war. Hand in Hand durchstreiften sie die Hölle, schmuggelten sich immer mal wieder in den Himmel hinein, um dort mit ihren Dummheiten alles durcheinander zu bringen, doch meist lebten sie auf der Erde. Aber immer lebten sie in ihrer eigenen Welt, nach ihren eigenen Vorstellungen.

 *****************************************

 
 
~ Für alle, die den Regenbogen lieben ... ~

Vor langer Zeit begannen die Farben dieser Welt zu streiten. Jede behauptete von sich, sie sei die Beste, die Wichtigste, die Nützlichste, die Beliebteste!

GRÜN sagte:
Klar bin ich die Wichtigste! Ich bin das Symbol für Leben und Hoffnung. Ich wurde gewählt für das Gras, für die Bäume und die Blätter. Ohne mich würden alle Tiere sterben. Schaut euch doch in der Landschaft um und ihr werdet sehen, dass ich in der Mehrheit bin!

BLAU unterbrach:
Du denkst nur an die Erde! Aber betrachte doch den Himmel und das Meer! Es ist das Wasser, das die Basis für alles Leben ist und von den Tiefen des Meeres in die Wolken hinaufgezogen wird. Der Himmel gibt Raum, Frieden und Unendlichkeit. Ohne meinen Frieden wärt ihr alle nichts!

GELB lachte in sich hinein:
Ihr seid alle so ernst. Ich bringe Lachen, Fröhlichkeit und Wärme in die Welt. Die Sonne ist gelb, der Mond ist gelb, die Sterne sind gelb ... Eine Sonnenblume bringt die Welt zum Lächeln. Ohne mich gäbe es keinen Spass!

Als nächste begann ORANGE ihr Lob zu singen:
Ich bin die Farbe der Gesundheit und der Erneuerung. Ich mag rar sein, aber kostbar, denn ich diene den Bedürfnissen menschlichen Lebens. Ich überbringe die wichtigsten Vitamine. Denkt an Karotten, Kürbis, Mangos und Papayas. Ich hänge nicht ständig herum, aber wenn ich den Himmel zum Sonnenauf- oder -untergang färbe, ist meine Schönheit so eindrucksvoll, dass niemand einen Gedanken an einen von euch verschwendet.

ROT konnte es nicht länger aushalten und rief aus:
Ich bin der Herrscher von allen! Ich bin das Blut - Lebensblut! Ich bin die Farbe der Gefahr und der Tapferkeit. Ich bin bereit für etwas zu kämpfen Ich bringe Feuer ins Blut. Ohne mich wäre die Erde so leer wie der Mond. Ich bin die Farbe der Leidenschaft und der Liebe, der roten Rose und der Mohnblume.

PURPUR erhob sich zu ihrer vollen Größe: Sie war sehr groß und sprach mit Pomp:
Ich bin die Farbe der Fürsten und der Macht. Könige, Häuptlinge und Bischöfe haben immer meine Farbe gewählt, weil ich das Symbol für Autorität und Weisheit bin. Niemand zweifelt an mir, man hört und gehorcht.

Schließlich sprach INDIGO, viel leiser als all die anderen, aber mit ebensolcher Bestimmtheit:
Denkt an mich. Ich bin die Farbe der Stille. Ihr nehmt mich kaum wahr, aber ohne mich würdet ihr alle oberflächlich werden. Ich repräsentiere Gedanken und Betrachtung, Zwielicht und tiefes Wasser. Ihr braucht mich für das Gleichgewicht und für den Kontrast, für das Gebet und den inneren Frieden.

Und so fuhren die Farben fort zu prahlen, jede von ihrer eigenen Erhabenheit überzeugt. Ihr Streit wurde lauter und lauter. Plötzlich war da ein heller Blitz und grollender Donner. Regen prasselte schonungslos auf sie nieder Die Farben drückten sich voll Furcht einer an den anderen, um sich zu schützen.

Inmitten des Lärms begann der REGEN zu sprechen:
"Ihr dummen Farben streitet untereinander und versucht den anderen zu übertrumpfen!
Wisst ihr nicht, dass jeder von euch für einen ganz bestimmten Zweck geschaffen wurde, einzigartig und besonders? Reicht euch die Hände und kommt zu mir."

Sie taten wie ihnen geheißen wurde, sie kamen zusammen und reichten sich die Hände.

Der Regen fuhr fort:
Von nun an, wenn es regnet, erstreckt sich jede von euch in einem großen Bogen über den Himmel, um daran zu erinnern, dass ihr alle in Frieden miteinander leben könnt. Der Regenbogen ist ein Zeichen der Hoffnung auf ein Morgen. Daher, immer wenn ein guter Regen die Welt wäscht und ein Regenbogen am Himmel erscheint, erinnern wir uns daran, einer den anderen zu würdigen.

Freundschaft ist wie ein Regenbogen:

Rot, wie ein Apfel, süß bis ins Innerste.

Orange, wie eine brennende Flamme, die niemals auslöscht.

Gelb, wie die Sonne, die deinen Tag erhellt.

Grün, wie eine Pflanze, die nicht aufhört zu wachsen.

Blau, wie das Wasser, das so rein ist.

Purpur, wie eine Blume, die bereit ist, aufzublühen.

Indigo, wie die Träume, die dein Herz erfüllen.

Mögen wir alle Freundschaften finden, die dieser Schönheit gleichen.
 
********************************************* 
 
~  Es war einmal ein Herz...... ~


das schlug 100.000 Mal am Tag - nicht mehr und nicht weniger. Es schlug nun einmal soviel wie es nötig war. Das Herz war nicht von der gleichen feuerroten Farbe wie all die anderen Herzen, sondern besaß nur ein schwaches Blassrosa. Das schlimme war, dass es mit der Zeit immer mehr an Farbe verlor. Der Lebenskampf hatte es geschwächt und obwohl es noch nicht sehr alt war, hatte es schon viele Falten.


Eines Tages war es auf die Idee gekommen einen Verschlag um sich zu bauen. So suchte es den härtesten Stein für die Wände, dass massivste Holz für das Dach und den stärksten Stahl für die Tür.
Nur so, dachte das Herz, konnte niemand mehr hinein zu ihm und es verletzen -
niemand konnte es mehr zerreißen.
Endlich war es sicher.
Nun saß das kleine Herz in seinem Verschlag, lugte hinaus durch die Fugen im Stein und hörte über sich das knacken des Holzes. Es war ziemlich dunkel und kalt dachte sich das Herz. Aber es schloss einfach die Augen und tat was es immer tat -schlagen. 100.000 Mal am Tag. Vor lauter Langeweile zählte das Herz jeden Schlag mit, bis es ihm überdrüssig wurde. So vergaß es manchmal einen Schlag zu tun.
Das Herz fragte sich, was es überhaupt noch für einen Sinn hatte zu schlagen.
Was das Herz vergessen hatte war, dass es sich zwar in Sicherheit vor allem Bösen befand, es niemand mehr verletzen und enttäuschen konnte, dass aber auch niemand mehr hineinkommen würde, der mit ihm lachen täte,
jemand der Purzelbäume mit ihm schlagen würde und es wärmte.


Nach einiger Zeit fing das Herz an darüber nachzudenken.
Es merkte einen fatalen Fehler begangen zu haben. Mit aller Kraft versuchte es die Stahltür aufzudrücken, doch sie war zu schwer, als dass sie sich bewegen ließ.
So begann es gegen die Steinwände zu hämmern, doch außer das sich ein paar Brocken lösten, passierte nichts. Der Stein war zu gewaltig. Als es sich am Dach zu schaffen machte, zog es sich nur einen dicken Splitter zu.
Panikartig saß das kleine Herz in seinem selbstgebauten Gefängnis und schlug mindestens doppelt so schnell wie sonst. Wie konnte es nur den Schlüssel in all seiner Trauer vergessen? Das Herz verfluchte sich für sein elendes Selbstmitleid.
Wie gern würde es sich jetzt den Stürmen des Lebens hingeben, sich vor Angst zusammenkrampfen, vor Freude hüpfen, wenn es nur könnte.
Es schaute durch das Schlüsselloch hinaus in die Welt und sah die anderen Herzen. Einige waren blas so wie es selbst. Sie schlichen durchs Leben geduckt und allein. Andere wiederum sprangen in leuchtendem Rot - Hand in Hand über Stock und Stein, unerschrocken und gestärkt vom anderen.
Doch was das Herz dann sah ließ es staunen und es konnte seine Tränen nicht verbergen. Da lagen Herzen im Staub mit Füßen getreten.
Sie waren weiß und regten sich kaum noch. Sie schlugen vielleicht noch 20 Mal am Tag.
Niemand kümmerte sich um sie, denn auch sie hatten einmal den Schlüssel ihres Gefängnisses so gut versteckt, dass niemand ihn fand.
Da fühlte das Herz zum 1. Mal, dass es ihm noch gar nicht so schlecht ging. Noch war es rosa und noch fühlte es etwas. Es musste nur diesen Schlüssel finden zu seiner Stahltür. So machte es sich auf die Suche und probierte alle Schlüssel die es finden konnte. Es probierte sogar Schlüssel, von denen es von Anfang an wusste, dass sie nicht passen würden.


Nach einiger Zeit merkte das Herz, dass es wieder einen Fehler begangen hatte.
Es war zu unüberlegt, zu krampfhaft an die Sache gegangen.
Es verstand, dass man das Glück nicht erzwingen kann.
Frei ist man nur, wenn man frei denken kann. Das Herz entspannte sich erst einmal und beschäftigte sich mit sich selbst. Es schaute in den Spiegel und begann sich so zu akzeptieren wie es war, blassrosa und faltig.
Es spürte eine wohlige Wärme in sich aufsteigen und eine innere Gewissheit, dass es auf seine Art und Weise wunderschön war.
So fing es an zu singen, erst ganz leise und schnurrend und nach und immer lauter und heller, bis es ein klares Zwitschern war, wie das eines Vogels am Himmel.


Durch den hellen Ton begann der Stein an einer Stelle nachzugeben.
Mit riesengroßen Augen starrte das Herz auf diese Stelle, wo ein goldenes Schimmern zu erkennen war.
Das Herz traute seinen Augen nicht. Da war der Schlüssel, den es damals mit in den Stein eingemauert hatte. Das hatte es durch all seinen Schmerz und Selbstmitleid vergessen und jetzt wo es den Schlüssel in der Hand hielt, fiel es ihm wieder ein, wie es ihm vor all den Jahren so sicher erschien, ihn nie wieder zu brauchen.
Langsam und voller Bedacht den Schlüssel nicht abzubrechen, steckte das Herz ihn ins Schloß.
Mit lautem Gequietsche schob sich die schwere Stahltür zur Seite. Das Herz machte einen Schritt nach draußen, schloss die Augen und atmete tief die frische Luft ein.
Es streckte die Arme aus, drehte und wendete sich, blickte nach oben und nach unten und hörte gespannt mal hierhin und mal dorthin.
Das Herz dachte wie schön das Leben doch sei, machte einige Hüpfer und begab sich auf den Weg um Freunde zu finden.
Den 1. den es traf war eine lustiger Geselle, der das Leben zum schießen komisch fand und über 1000 Freunde hatte.
Nachdem das Herz einige Zeit mit ihm verbrachte, mit ihm alle erdenklich lustigen Sachen anstellte, merkte das Herz, dass diesem "Freund" einiges fehlte; -
der Tiefgang.
Was war das für ein Freund, mit dem es nur lachen aber nie weinen konnte ?
Mit dem es nur durch "Dick" aber nie durch "Dünn" gehen würde.
So zog das Herz weiter, allein, aber reich einer neuen Erfahrung.
Bis es auf eine Gruppe anderer Herzen stieß. Es wurde direkt freundlich in ihre Mitte aufgenommen.
Es war ein ganz neues Gefühl von Zugehörigkeit.
Da war nun eine große Gruppe, wie eine Familie die zusammenhielt, wo alle gleich waren. Jeden Morgen standen sie zusammen auf, tranken den gleichen Tee, aßen vom gleichen Brot und gestalteten jeden Tag gleich.
Das Herz war glücklich - eine Zeitlang, bis es spürte, dass auch dies nicht das richtige Ziel sein konnte,
denn auch seinen vielen neuen Freunden fehlte etwas - die Individualität.
In ihrer Mitte gab es keinen Platz für jemanden, der Eigenständig war und sein Leben selbst planen wollte. Also löste das sich das Herz auch aus dieser Verbindung und genoss sein eigenes Leben.
Es ging über 112 Wege, um 203 Kurven und 24 Berge und Täler, bis es an einem Haus ankam, dass mit Stacheldraht umzogen war.
Aus dem Schornstein quoll Rauch, das hieß, daß tatsächlich jemand in diesem Haus leben würde.
In einem Haus, das nicht einmal Fenster hatte.
Bei dem Anblick fiel dem Herz ein, wie es selbst einmal gelebt hatte.
Wie sehr es damals gehofft hatte, daß jemand ihm helfen würde und doch niemand sein stummes Flehen erkannt hatte.
Es wußte, daß es ihm aus eigener Kraft gelungen war und es war sehr stolz darauf.
Aber wie konnte es diesem armen Herzen helfen aus seinem Verlies zu kommen?
So besorgte sich das Herz eine Drahtschere und versuchte den Stacheldraht zu durchtrennen. Aber nach einiger Zeit verließen es die Kräfte.
Auch dieses Herz hatte keine Mühe gespart, für sich den stärksten Stacheldraht zu finden.


Obwohl das Herz das andere nicht sah und auch nicht hörte, sondern nur ahnen konnte was das für ein Herz war, fühlte es eine starke Bindung zu ihm.
So grub es ein Loch im Boden unter dem Stacheldraht, um den anderen wenigstens nah zu sein.
So stand es vor seinem Haus, vor der gleichen dicken Stahltür wie einst seiner und begann zu reden.
Tagelang, nächtelang stand es einfach nur da und redete.
Es erzählte von seinem Schicksal. Erzählte ihm, was ihm alles in seinem Leben widerfahren war und es hörte ein Schluchzen hinter der dicken Tür. Unermüdlich sprach das Herz weiter. Über die lustigen Sachen, die es mit seinem 1. "Freund" erlebt hatte, über die Wärme, die es bei seiner Familie erfahren
hatte und es vernahm ein leises glucksen von innen. Erst leise, bis es immer lauter sich in ein gellendes Lachen verwandelte.
Plötzlich sprach das Herz hinter der Stahltür zu ihm.
Es wollte hinaus zu ihm, und es sehen.
Es wollte mit ihm gehen und mehr von dem Lachen und Weinen.
Es wollte sich an seine Schulter lehnen, sich an es drücken und es nie wieder verlassen.
Das Herz war glücklich endlich so jemanden gefunden zu haben, aber was sollte es nur tun?
Wie auch bei ihm früher, wußte das andere Herz nicht mehr wo es den Schlüssel versteckt hatte.
So fasste das Herz den Entschluß loszugehen um den Schlüssel zu suchen.
Nur wo sollte es anfangen?
Es lief ziellos umher, suchte hinter Büschen, auf Bäumen, tauchte in Seen danach; fragte alle die seinen Weg kreuzten, aber niemand wusste Rat und nirgends fand es den Schlüssel.


So ging es mit schwerem Herzen zurück zu der kleinen Hütte. Krabbelte durch das Loch unterm Zaun um die schlechte Nachricht zu überbringen.
Doch zu seinem Erstaunen, fand es die schwere Stahltür geöffnet.
Wie war das möglich gewesen ? -dachte das Herz.
Plötzlich hörte es eine freundliche und liebevolle Stimme hinter sich.
Da sah es ein kleines blassrosa Herz stehen mit glühenden Wangen. " Ich habe hier auf dich gewartet " sagte das kleine Herz. " Ich habe erkannt, daß man es im Leben nur aus eigener Kraft schaffen kann, aus seinem Gefängnis zu entkommen. Doch so viel Kraft konnte ich nur durch dich erlangen. Durch deine Liebe zu mir und meiner Liebe zu dir habe ich den Schlüssel zur Tür meines Herzens gefunden,
der mir gleichzeitig die Tür meines Verlieses öffnete "
Sie nahmen sich an die Hand und gingen von nun an alle Wege gemeinsam, ihr Herzschlag im gleichen Rhythmus bis an ihr Lebensende.



Gratis bloggen bei
myblog.de